Page 60 - Schönberg im Sommer 2022
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Probsteier Gesichter
Hauke Muhs
meinsamen Topf ein und im Fall der Fälle bekamen sie
Geld daraus.“ Ein einfaches, aber wirksames Solidar-
prinzip sei das gewesen, gerade für die früher so häufig
als Selbstversorger lebenden Familien.
Vereinsleben: Beruflich leitet Hauke Muhe als Rektor die Adolf-
Reichwein-Grundschule in Kiel-Dietrichsdorf – ein an-
Hauke Muhs, spruchsvoller Job, der ihm eigentlich genug sein könnte.
Und doch: Auf die Frage, was das Ehrenamt für ihn per-
die Schweinegilde sönlich bedeute, überlegt er nicht lange: „Uns als Fami-
lie geht es gut, unsere vier Kinder sind gesund und ma-
chen ihren Weg, wir leben in gesicherten Verhältnissen
und das Ehrenamt – da möchte und kann ich gern etwas zurückgeben.“
Nicht etwa aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus,
sondern, sagt er, „weil es mir eine Freude ist, der Allge-
meinheit dienlich zu sein.“ Deshalb führt er nicht nur
Bis in die 1960er-Jahre hinein galt vielen Probsteier Fa- den Vorsitz der Schweinegilde, sondern wirkt überdies
milien das eigene Schwein in der Bucht als Garant da- ehrenamtlich im Kirchengemeinderat mit, engagiert
für, auch in harten Wintern genug Essen auf dem Tisch sich seit Jahren im Schulelternbeirat der Heikendorfer
zu haben. Die 1869 gegründete Schönberger Schwei- Heinrich-Heine-Schule und im Förderverein der eigenen
negilde war ein Versicherungsverein, der einstand, Schule.
wenn eine Sau verendete. Deshalb war die Gilde für
etliche Menschen geradezu überlebenswichtig. Heute „Die Corona-Pandemie hat nicht nur in der Schweine-
ist das ohne Bedeutung und ihr neuer 1. Vorsitzender gilde, sondern in den Probsteier Vereinen insgesamt
Hauke Muhs ist eher am Wohlergehen des Vereins Flurschaden angerichtet“, glaubt Hauke Muhs. Das Ver-
selbst denn versicherter Schweine gelegen. Dennoch einsleben sei so etwas wie „Kitt für die ländliche Ge-
ist die Gilde ein Traditionsverein, der aus dem hiesigen sellschaft“ und der habe durch die viele Monate dau-
gesellschaftlichen Leben kaum wegzudenken ist. Das ernden Kontaktverbote zu bröckeln begonnen. Seine
zu bewahren und die Menschen zusammenzubringen, Aufgabe sehe er nun darin, dieser Schwächung der Ge-
sagt Muhs, ist ihm am Ehrenamt so wichtig. meinschaft entgegenzuwirken, um „den Zusammenhalt
Dabei stand es noch kürzlich gar nicht gut um die zwischen den Menschen wieder zu stärken“. Für den
„Schönberger Schweinegilde von 1869“, wie der Verein Vorstand der Gilde bedeute das unter anderem, neue
mit vollem Namen heißt: Altgediente Vorstände schie- Formate für ein interessantes Vereinsleben zu entwer-
den aus, neue waren nicht in Sicht. Bis Hauke Muhs fen – auch, um neue, junge Mitglieder zu gewinnen.
und einige andere sagten: „Wir machen das!“ Sogar Den „Schweineball“, in früheren Jahren eines der groß-
ein Gildeschwein wolle man wieder anschaffen, strahlt en gesellschaftlichen Ereignisse in der Probstei, gibt es
Muhs. nicht mehr und, räumt Muhs ein, „die letzten Veranstal-
Natürlich habe das nur symbolischen Charakter, aber tungen vor der Pandemie entsprachen nicht unbedingt
es sei doch eine Erinnerung an die „existenzbedro- den Erwartungen“. Ein Fest in neuem Kleid sei nun ge-
hende Situation für kleine Leute, wenn denen früher fragt. „Vielleicht ein Sommerfest“, sinniert Hauke Muhs.
das vielleicht einzige Schwein weggestorben“ war. Eventuell mit Spanferkel. kch
Grundsätzlich sei die Schweinegilde mit den Toten-
und Knochenbruchgilden auf den Probsteier Dörfern Schönberger Schweinegilde von 1869 e.V.
vergleichbar, die es als Traditionsvereine teils bis heute Web: www.facebook.com/Gildeschwein
gibt, sagt Muhs: „Die Mitglieder zahlten in einen ge- E-Mail: schweinegilde@gmx.de
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